Loraine Furter

»Design history is full of gaps. I’m looking for ways to make them visible, readable, shareable.«

Loraine Furter bewegt sich durch die Welt der Gestaltung wie jemand, der gelernt hat, sowohl den sichtbaren Linien als auch den unsichtbaren Strukturen zu misstrauen. Ihre Arbeit beginnt dort, wo Design nicht mehr nur Form ist, sondern Frage: Wer schreibt? Wer gestaltet? Wer wird gesehen? Zwischen Buchseiten und Browserfenstern entwickelt sie eine Praxis, die politisch ist, ohne Parolen zu brauchen, und technisch, ohne sich in Technik zu verlieren. Ihr Weg führt vom gedruckten Objekt in die offenen Räume digitaler Werkzeuge – und erzählt von einer Designerin, die im Programmieren nicht nur ein Mittel, sondern ein Versprechen findet: Zugang, Sichtbarkeit, Teilhabe.

Buch und Browser
Geboren 1988 in Lausanne mit einem vielschichtigen kulturellen Hintergrund und seit 2007 in Brüssel ansässig, hat Loraine Furter sich als Grafikdesignerin, Forscherin und Dozentin einen Namen gemacht. Ihre Spezialisierung liegt im Editorial Design, im hybriden Publizieren (also in der Verknüpfung von Digitalem und Print) – und zentral: im intersektionalen Feminismus. Sie gestaltet Bücher, Ausstellungen, Websites. Aber gerade der Übergang zur digitalen Domäne wurde für sie zum Experimentierfeld: HTML, CSS – grundlegende Werkzeuge, die jeder lernen kann. Dieser Satz steht nicht nur für technische Zugänglichkeit, sondern für eine Haltung gegenüber Gestaltung als Praxis der Emanzipation.
Tools als Praxis – und Praxis als Tool
Furter stellt sich nicht nur als Gestalterin vor, sondern als Werkzeugmacherin – oder zumindest als Werkzeugversteherin. Ein Beispiel: Die Plattform Badass Libre Fonts by Womxn, die sie initiierte, um Schriften von Frauen sichtbar zu machen. Sie startete ein Repository für Open-Source-Schriften mit freier Lizenz, die von Frauen oder Personen, die sich als solche identifizieren, entworfen wurden. Der Impuls dahinter ist doppelter Natur: einerseits eine persönliche Entscheidung – sie wollte nur noch Schriften von Frauen nutzen – und andererseits eine öffentliche Geste – wieso stelle ich die Schriften nicht allen zur Verfügung? Andere haben da vielleicht auch Interesse dran. In so kurzen Sätzen verknüpft sich Schöngeist mit politischem Anspruch, Typografie mit feministischer Sichtbarkeit. Furter fragt: Wer gestaltet Werkzeuge? Wer kontrolliert das Tool-Ökosystem? Im Interview spricht sie davon, dass man bei gängigen Programmen wie Adobe InDesign die eigenen Bedürfnisse dem Tool anpasst – und nicht umgekehrt. Die Folge: Eine Form von Fremdbestimmung in der Gestaltung. Für sie heißt Freiheit: das Tool selbst mitgestalten – oder zumindest das Verständnis für dessen Struktur gewinnen.
Feminismus, Sichtbarkeit, Gestaltung
Ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Praxis ist ihr intersektional feministischer Ansatz. Er ermöglicht eine kritische Perspektive in Bezug auf Werkzeuge und deren Zugänglichkeit. Diese Reflexion geht über Gender­quoten hinaus. Es ist eine Haltung gegenüber Gestaltungs-Kulturen insgesamt: Wer ist sichtbar? Wer war unsichtbar? In welchem Kontext entsteht Geschichte, und wer schreibt sie? Ihre Arbeiten wie das Forschungsprojekt 🌐Speaking Volumes oder das kollektive Engagement von 🌐Just for the Record behandeln genau diese Fragen: die Archive der Gestaltung, die Stimme der Marginalisierten, das wir haben uns lange nicht gesehen-Gefühl. Im Editorial- und Typografie-Feld, so Furter, war die dominierende Position weiß, männlich, westlich – insbesondere vor dem digitalen Shift. Grafikdesign wurde schnell zu einem von Männern dominierten Berufsfeld. Erst als Einzelpersonen Zugang zu digitalen Werkzeugen erhielten, konnten auch Frauen stärker daran teilhaben und Sichtbarkeit gewinnen.
Zwischen Kontrolle und Kollaboration
Wenn Schrift und Buchform für Furter Gestaltung sind, dann ist Web-Publishing für sie ein Labor: die Bedingungen, wie gelesen wird, verändern sich. Ein EPUB ist kein statisches Werk mehr – ein Nutzer kann Schriftgrösse ändern, Layouts verschieben – die Designer:in teilt die Kontrolle mit dem System und dem Leser. Doch gerade in dieser Aufgabe erkennt Furter eine Chance: »Switching between different tools does something to tweak your style, and I very much welcome that. I think there’s an inherent richness in the collaboration between human designers and the software.« Im Wort Zusammenarbeit steckt hier mehr als Technik: Es ist eine Metapher für eine Praxis, die sich nicht allein im Objekt verortet, sondern im Verhältnis – zwischen Nutzer:innen, zwischen Maschine, zwischen Gestaltung und Gesellschaft.
Unterrichtet, hinterfragt, weitergereicht
Als Lehrende hat Furter die Rolle, Geschichte nicht als abgeschlossenes Monument zu vermitteln, sondern als Feld offener Debatten. In der Lehre geht es ihr darum, Studierende zu lehren, kritisch zu sein – gegenüber Quellen, gegenüber Formen, gegenüber Vorannahmen. Dies ist kein akademisches Abgehoben­sein, sondern eine Praxis-Verankerung: Wie gestalte ich eine Publikation für Nutzer:innen, die nicht nur Konsumentinnen sind? Wie löse ich mich von starren Typografie-Systemen? Wie entwerfe ich nicht nur ein Buch, sondern eine Plattform – die von anderen genutzt, gelesen, weitergedacht werden kann?
Eine leise Revolution
In einer Welt, in der Design oft als elegant verpackte Dienstleistung funktioniert, wirkt Furters Arbeit wie ein behutsamer Ruck. Ihre Werkzeuge sind nicht laute Manifestationen, sondern leise Eingriffe: Schriften sichtbar machen, Codes lernen, Curriculum verändern, Kollaboration ermöglichen. Sie betont, dass HTML und CSS einfach sind – und dass Zugänglichkeit dabei eine zentrale Rolle spielt.
Jenseits der Werkzeuge
Wenn wir uns der Arbeit von Loraine Furter nähern, sehen wir mehr als Formen, Seiten, Typografien – wir sehen ein Möglichkeitsfeld. Ein Feld, in dem Gestaltung nicht allein dem Objekt dient, sondern dem Prozess, der Gemeinschaft, dem Sichtbar-Machen. Ein Feld, in dem Buch und Browser nicht getrennt sind, sondern verwoben; in dem Feminismus nicht Zusatz, sondern Struktur ist; in dem Tools nicht Opfer, sondern Mitgestalter werden. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis: Design ist nicht nur Gestaltung, sondern Gestaltung von Gestaltung – also Metadesign. Und in dieser Metapraxis zeigt Furter uns, wie wenig wir wissen vom Unsichtbaren – von den Werkzeugen, den Normen, den Geschichten, die zwischen den Seiten stehen. Wer gestaltet? Wer war vorher unsichtbar? Und wie können wir mitgestalten? Vielleicht ist das die Einladung, die von ihr ausgeht – ganz leise, ganz ungeheuer.