Jean E. Sammet
»I thought of a computer as some obscene piece of hardware that I wanted nothing to do with.«
Es gibt Menschen, die die Geschichte prägen, ohne laut zu werden. Jean E. Sammet war eine von ihnen. Eine Frau, die früh verstand, dass die Welt der Computer weniger aus Metall besteht als aus Sprache – und dass sich Zukunft oft hinter nüchternen Kommandos versteckt. Wer heute von Programmiersprachen spricht, spricht unausweichlich auch ein wenig von ihr.
Mathematische Kindheit, logische Neugier
New York, späte 1930er Jahre. Während in der Bronx High School of Science die mathematisch talentierten Jungen gefördert wurden, stand Jean E. Sammet draußen vor der Tür – weil Mädchen nicht zugelassen waren. Kein Drama, kein Widerstand, kein großes Pathos: Sie ging einfach ihren eigenen Weg. Lernte Mathematik am Mount Holyoke College, machte ihren Master an der University of Illinois und verliebte sich in eine Welt, die sich noch nicht entschieden hatte, ob sie elegant oder umständlich, genial oder widerspenstig sein wollte: die frühe Computertechnik. Sammet selbst erzählte später gerne, dass sie die ersten Maschinen eher abstoßend fand – obscene hardware nannte sie sie. Aber dann geschah das, was in vielen Lebenswegen passiert: Aus Skepsis wurde Neugier, und aus Neugier wurde eine Laufbahn.
Als Code noch ein Handwerk war
In den 1950er Jahren war Programmieren kein glamouröser Job. Es roch nach Öl, Kabeln und Papierstapeln. Man stand stundenlang vor Schränken voller Elektronik, Testläufe dauerten ewig, Fehler lagen oft in einem falsch gestanzten Lochkartenfeld. Bei der Sperry Corporation begann Sammet, die Sprache der Maschinen zu lernen – erst als Mathematikerin, dann als Leiterin einer wissenschaftlichen Programmiergruppe. 1958 wechselte sie zu Sylvania Electric Products und steuerte dort die Softwareentwicklung des Transistor-Computers MOBIDIC. Wer das heutige Bild eines Entwickler-Teams vor Augen hat, sollte es kurz vergessen: Die Computerwelt jener Zeit glich eher einer Mischung aus Erfinderwerkstatt und Kontrollraum einer Raketenabschussbasis. Und mittendrin: Jean Sammet, die noch nicht ahnte, dass sie bald an einer der wichtigsten Sprachen der Computer-Geschichte mitschreiben würde.
Business, Bürokratie und Bits
1959 lud das US-Verteidigungsministerium zur ersten Conference on Data Systems and Language (CODASYL)-Konferenz. Der Auftrag: eine einheitliche, hardwareunabhängige Programmiersprache schaffen, die auf allen Rechnern gleich funktioniert. Und sie sollte möglichst leicht lesbar sein – idealerweise in einfachem Englisch. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, eine Steuererklärung als Haiku zu verfassen. Und dennoch entstand die Common Business Oriented Language COBOL. Entwickelt von einer Gruppe, die später halb respektvoll, halb scherzhaft als PDQ Committee bekannt wurde – darunter Mary Hawes, Betty Holberton, und eben Jean Sammet. COBOL sollte keine Sprache für Ingenieur:innen sein, sondern für Menschen, die sich mit Zahlen auskennen, aber nicht unbedingt mit Maschinen. Buchhalter:innen, Wirtschaftsanalyst:innen, Angestellte in Behörden. Man kann COBOL vieles vorwerfen – Langatmigkeit, Detailverliebtheit, einen Hauch Bürokratie – aber nie, dass es nicht verstanden werden wollte. Sammet war eine der Stimmen, die darauf bestanden, Programmiersprachen wie echte Sprachen zu behandeln: mit Grammatik, Bedeutung, Stil. Nicht nur als technische Werkzeuge, sondern als Denkformen.
FORMAC – der Versuch, Mathematik sprechen zu lassen
Spätere Jahre führten Sammet zu IBM. Dort entwickelte sie FORMAC, die erste weit verbreitete Sprache zur symbolischen Formel-Manipulation – ein Vorläufer dessen, was heute in Computer-Algebra-Systemen (CAS) alltäglich ist. Während FORTRAN die erste weit verbreitete Programmiersprache, vor allem dafür entwickelt worden war, Zahlen effizient zu berechnen, sollte FORMAC mathematische Ausdrücke verstehen, umformen, analysieren. Sammet ging damit einen Schritt weiter: weg von der reinen Numerik, hin zu algorithmischem Denken. Wieder war es Sprache, die sie beschäftigte, diesmal die Sprache der Mathematik.
Sammet als Chronistin der Programmiersprachen
Jean Sammet war aber nicht nur Entwicklerin, sondern auch Dokumentaristin. 1969 veröffentlichte sie Programming Languages: History and Fundamentals, ein 700-Seiten-Werk, das so etwas wie das erste große Geschichtsbuch des Codes wurde. Es ordnete, was damals noch wuchernd und ungeordnet existierte: Dutzende Sprachen, Prototypen, Experimente. So, wie man Pflanzen katalogisiert, um einen Garten zu verstehen, katalogisierte Sammet die Sprachen der Maschinen. Gleichzeitig stieg sie in den wichtigsten Berufsorganisationen auf: Sie war Vizepräsidentin der ACM (1972–74) und schließlich deren Präsidentin (1974–76) – als erste Frau. In einer Zeit, in der Informatik-Konferenzen noch aussahen wie Raucher-Salons mit Overhead-Projektor, schuf sie Raum für Fragen der Sprache, der Gemeinschaft, der Historisierung.
Ein Leben zwischen Diskretion und Einfluss
Jean Sammet war keine laute Person. Sie strahlte nicht im Rampenlicht wie andere Tech-Pioniere ihrer Generation. Aber vielleicht liegt genau dort ihre Wirkung: in der Ernsthaftigkeit, mit der sie sich Dingen widmete, die andere für Nebenarbeit hielten. Die Entwicklung von FORMAC. Die Mitarbeit an COBOL. Die Strukturierung einer noch jungen Disziplin. Die unbedingte Überzeugung, dass Programmieren eine kulturelle Praxis ist – kein reines Ingenieur-Handwerk.Ihr Werk erinnert daran, dass jeder Code, jedes if, jedes end, jede Grammatik – Ausdruck einer Entscheidung ist: Wie wollen wir mit Maschinen kommunizieren? Wie sollen Maschinen uns verstehen?
Was bleibt?
Vielleicht ist es das: Jean Sammet hat die Informatik nicht nur technologisch geprägt, sondern ihr eine Stimme gegeben. Eine, die darauf beharrt, dass Maschinen nicht allein durch Rechenkapazität intelligenter werden, sondern durch die Art, wie wir mit ihnen sprechen. Sie hat Brücken gebaut – zwischen Mathematik und Alltag, zwischen Bürokratie und Innovation, zwischen Syntax und Bedeutung. Und sie erinnert uns daran, dass Programmiersprachen nicht nur Tools sind, sondern kleine Weltanschauungen. Dass jede Zeile Code ein Stück Kultur ist. Und dass es sich lohnt, hinzuschauen, wie sie entstanden ist.
New York, späte 1930er Jahre. Während in der Bronx High School of Science die mathematisch talentierten Jungen gefördert wurden, stand Jean E. Sammet draußen vor der Tür – weil Mädchen nicht zugelassen waren. Kein Drama, kein Widerstand, kein großes Pathos: Sie ging einfach ihren eigenen Weg. Lernte Mathematik am Mount Holyoke College, machte ihren Master an der University of Illinois und verliebte sich in eine Welt, die sich noch nicht entschieden hatte, ob sie elegant oder umständlich, genial oder widerspenstig sein wollte: die frühe Computertechnik. Sammet selbst erzählte später gerne, dass sie die ersten Maschinen eher abstoßend fand – obscene hardware nannte sie sie. Aber dann geschah das, was in vielen Lebenswegen passiert: Aus Skepsis wurde Neugier, und aus Neugier wurde eine Laufbahn.
Als Code noch ein Handwerk war
In den 1950er Jahren war Programmieren kein glamouröser Job. Es roch nach Öl, Kabeln und Papierstapeln. Man stand stundenlang vor Schränken voller Elektronik, Testläufe dauerten ewig, Fehler lagen oft in einem falsch gestanzten Lochkartenfeld. Bei der Sperry Corporation begann Sammet, die Sprache der Maschinen zu lernen – erst als Mathematikerin, dann als Leiterin einer wissenschaftlichen Programmiergruppe. 1958 wechselte sie zu Sylvania Electric Products und steuerte dort die Softwareentwicklung des Transistor-Computers MOBIDIC. Wer das heutige Bild eines Entwickler-Teams vor Augen hat, sollte es kurz vergessen: Die Computerwelt jener Zeit glich eher einer Mischung aus Erfinderwerkstatt und Kontrollraum einer Raketenabschussbasis. Und mittendrin: Jean Sammet, die noch nicht ahnte, dass sie bald an einer der wichtigsten Sprachen der Computer-Geschichte mitschreiben würde.
Business, Bürokratie und Bits
1959 lud das US-Verteidigungsministerium zur ersten Conference on Data Systems and Language (CODASYL)-Konferenz. Der Auftrag: eine einheitliche, hardwareunabhängige Programmiersprache schaffen, die auf allen Rechnern gleich funktioniert. Und sie sollte möglichst leicht lesbar sein – idealerweise in einfachem Englisch. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, eine Steuererklärung als Haiku zu verfassen. Und dennoch entstand die Common Business Oriented Language COBOL. Entwickelt von einer Gruppe, die später halb respektvoll, halb scherzhaft als PDQ Committee bekannt wurde – darunter Mary Hawes, Betty Holberton, und eben Jean Sammet. COBOL sollte keine Sprache für Ingenieur:innen sein, sondern für Menschen, die sich mit Zahlen auskennen, aber nicht unbedingt mit Maschinen. Buchhalter:innen, Wirtschaftsanalyst:innen, Angestellte in Behörden. Man kann COBOL vieles vorwerfen – Langatmigkeit, Detailverliebtheit, einen Hauch Bürokratie – aber nie, dass es nicht verstanden werden wollte. Sammet war eine der Stimmen, die darauf bestanden, Programmiersprachen wie echte Sprachen zu behandeln: mit Grammatik, Bedeutung, Stil. Nicht nur als technische Werkzeuge, sondern als Denkformen.
FORMAC – der Versuch, Mathematik sprechen zu lassen
Spätere Jahre führten Sammet zu IBM. Dort entwickelte sie FORMAC, die erste weit verbreitete Sprache zur symbolischen Formel-Manipulation – ein Vorläufer dessen, was heute in Computer-Algebra-Systemen (CAS) alltäglich ist. Während FORTRAN die erste weit verbreitete Programmiersprache, vor allem dafür entwickelt worden war, Zahlen effizient zu berechnen, sollte FORMAC mathematische Ausdrücke verstehen, umformen, analysieren. Sammet ging damit einen Schritt weiter: weg von der reinen Numerik, hin zu algorithmischem Denken. Wieder war es Sprache, die sie beschäftigte, diesmal die Sprache der Mathematik.
Sammet als Chronistin der Programmiersprachen
Jean Sammet war aber nicht nur Entwicklerin, sondern auch Dokumentaristin. 1969 veröffentlichte sie Programming Languages: History and Fundamentals, ein 700-Seiten-Werk, das so etwas wie das erste große Geschichtsbuch des Codes wurde. Es ordnete, was damals noch wuchernd und ungeordnet existierte: Dutzende Sprachen, Prototypen, Experimente. So, wie man Pflanzen katalogisiert, um einen Garten zu verstehen, katalogisierte Sammet die Sprachen der Maschinen. Gleichzeitig stieg sie in den wichtigsten Berufsorganisationen auf: Sie war Vizepräsidentin der ACM (1972–74) und schließlich deren Präsidentin (1974–76) – als erste Frau. In einer Zeit, in der Informatik-Konferenzen noch aussahen wie Raucher-Salons mit Overhead-Projektor, schuf sie Raum für Fragen der Sprache, der Gemeinschaft, der Historisierung.
Ein Leben zwischen Diskretion und Einfluss
Jean Sammet war keine laute Person. Sie strahlte nicht im Rampenlicht wie andere Tech-Pioniere ihrer Generation. Aber vielleicht liegt genau dort ihre Wirkung: in der Ernsthaftigkeit, mit der sie sich Dingen widmete, die andere für Nebenarbeit hielten. Die Entwicklung von FORMAC. Die Mitarbeit an COBOL. Die Strukturierung einer noch jungen Disziplin. Die unbedingte Überzeugung, dass Programmieren eine kulturelle Praxis ist – kein reines Ingenieur-Handwerk.Ihr Werk erinnert daran, dass jeder Code, jedes if, jedes end, jede Grammatik – Ausdruck einer Entscheidung ist: Wie wollen wir mit Maschinen kommunizieren? Wie sollen Maschinen uns verstehen?
Was bleibt?
Vielleicht ist es das: Jean Sammet hat die Informatik nicht nur technologisch geprägt, sondern ihr eine Stimme gegeben. Eine, die darauf beharrt, dass Maschinen nicht allein durch Rechenkapazität intelligenter werden, sondern durch die Art, wie wir mit ihnen sprechen. Sie hat Brücken gebaut – zwischen Mathematik und Alltag, zwischen Bürokratie und Innovation, zwischen Syntax und Bedeutung. Und sie erinnert uns daran, dass Programmiersprachen nicht nur Tools sind, sondern kleine Weltanschauungen. Dass jede Zeile Code ein Stück Kultur ist. Und dass es sich lohnt, hinzuschauen, wie sie entstanden ist.